Dienstag, 24. April 2012

Bautzen wehrt sich

Gegen den geplanten Aufmarsch von NPD und "freien" Kräften am 1. Mai in Bautzen formiert sich massiver Widerstand. In der ganzen Stadt sind Gegenaktionen geplant; die zentrale Bühne wird sich auf dem Kornmarkt befinden. Bemerkenswert ist, dass sich von CDU bis Linkspartei, von Gewerkschaftern bis Pfarrern, so ziemlich alle demokratischen Kräfte am Widerstand gegen Faschismus und Rassismus beteiligen. Mit folgendem Video wird mobilisiert:


Bürgermeister, Landrat, Stadträte, Vereine, Silbermond und engagierte Bautzener Bürger rufen zur Teilnahme an den Gegenveranstaltungen auf, um eines ganz deutlich zu zeigen: In Bautzen/Budyšin ist kein Platz für menschenverachtende und demokratiefeindliche Parolen!

Weitere Informationen:

Donnerstag, 12. April 2012

Konsequente Zweisprachigkeit: So wirds gemacht!

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass sogenannte linguistic landscapes (also die Sichtbarkeit von Sprache(n) im öffentlichen Raum zweisprachiger Gebiete) einen wichtigen Einfluss auf das Miteinander von Mehrheit und Minderheit sowie auf ihr Selbstbewusstsein ausüben. Ist die kleinere Sprache überhaupt sichtbar, wenn ja in welchen Umfeldern und in welcher Größe? Nur ein Beispiel: Steht der sorbische Ortsname selbst in mehrheitlich sorbischen Dörfern nur halb so groß auf dem Ortsschild wie der deutsche, ist das nicht einfach nur eine willkürliche Festlegung, es transportiert auch eine Botschaft: Wir sind die Mehrheit, ihr die Minderheit. Oder eben genau andersherum, selbst wenn die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort andere sein mögen.

Was öffentliche Zweisprachigkeit angeht, kann Wales mittlerweile als herausragendes Beispiel für so ziemlich alle anderen bilingualen Regionen Europas dienen. Das gilt jedoch auch dort erst seit den 1980er Jahren. Damals schwangen sich die Waliser - inspiriert vom erstarkenden Regionalismus in Großbritannien - zu einer in Anbetracht der Zahlenverhältnisse beeindruckenden Bewegung für die Gleichberechtigung ihrer Sprache auf. Im Laufe des Kampfes um eine wahre öffentliche Zweisprachigkeit kamen durchaus nicht immer nur legale Mittel zum Einsatz, letztendlich war er jedoch auf vielen Ebenen von Erfolg gekrönt. Mittlerweile ist der Walisisch-Unterricht in allen walisischen Schulen Pflicht und der Nachweis von Walisisch-Kenntnissen ein positives Kriterium bei der Jobsuche. Die folgenden Bilder entstanden vor drei Wochen in Wrecsam/Wrexham, Aberystwyth und Caerdydd/Cardiff und zeigen, wie sich die relativ neue konsequente Sprachpolitik der Waliser im öffentlichen Raum auswirkt.


Zweisprachige Straßenschilder sind auch bei uns ein gewohnter Anblick, allerdings mit kleinen, aber bedeutenden Unterschieden: In Wales ist alles zweisprachig ausgeschildert, in der Lausitz meist nur die Ortsnamen. In Wales sind beide Namen gleich groß und Walisisch steht an erster Stelle.Ungeachtet dessen, dass dieses Schild in Deutschland normalerweise unbeschriftet ist, sind in Wales selbst Parkuhren, Baustellenschilder und überhaupt alle Verkehrszeichen konsequent zweisprachig. Und in der Lausitz? Fehlanzeige!

Das gilt im Übrigen nicht nur für Straßenzeichen, sondern auch für die Straße selbst.

Briefkästen...

Sowie sämtliche Beschriftungen und Durchsagen an Bahnhöfen und in Zügen, die ganz nebenbei von einem großen Privatunternehmen (nämlich Arriva) betrieben werden...

Konsequente Zweisprachigkeit hört natürlich nicht an der Mülltonne auf:Und auch nicht am Hundehaufen:


Nun sollte die Umsetzung von Sprachpolitik durch Behörden und öffentliche Einrichtungen (eigentlich) nichts Besonderes sein, wenn es dementsprechende Gesetze, Satzungen und Richtlinien gibt. Viel interessanter ist, dass sie auch auf dem gewerblichen Sektor ziemlich durchgängig verwirklicht wird:

Nämlich an und sogar in Bankautomaten...

...an Postämtern......Versicherungsbüros...

...in Einkaufszentren...

...beim Rotary-Club...

...und sogar an Sushi-Bars.

Während es sich bei der öffentlichen Zweisprachigkeit, wie sie im größten Teil der Lausitz "gelebt" wird, um nicht viel mehr als eine Alibiveranstaltung handelt und Sorbisch im privat-kommerziellen Sektor bis auf wenige Ausnahmen quasi nicht vorkommt (erwähnen möchte ich hier allerdings stellvertretend die Volksbank, die zweisprachig Sicht- und Internetbannerwerbung macht), hat die walisische Bewegung für sprachliche Gleichberechtigung in den letzten beiden Jahrzehnten bereits so viel erreicht, dass es unangenehm auffällt, wenn doch mal ein Schild einsprachig geblieben ist.

Zu betonen ist, dass die Waliser sich ihre sprachlichen Rechte selbst erstritten haben. Alles, was in Wales gut funktioniert und in der Lausitz kaum, basiert auf der demokratischen Bewegung, die seit mehr als 20 Jahren demonstriert, Eingaben schreibt, Gesetzesänderungen erzwingt und Schilder überklebt. Der Weg zur sprachlichen Gleichberechtigung war und ist noch immer ein langer. Was jedoch in relativ kurzer Zeit für eine totgeglaubte Sprache erreicht wurde, kann auch für die sorbische Lausitz Mut machen. Die walisische Sprachpolitik kann auch uns den Weg aus der zu Ende gehenden Epoche des Nationalismus hin zu einem toleranten und gleichberechtigten sprachlichen und menschlichen Miteinander weisen. Bis dahin gibt es allerdings noch einiges zu tun.

Donnerstag, 5. April 2012

Der Feind steht rechts! Zur geplanten NPD-Kundgebung in Bautzen.

Am 1. Mai 2012 plant die rechtsextreme NPD eine Kundgebung auf dem Walther-Rathenau-Platz vor dem Bautzener Bahnhof. Am 24. Juni 1922 wurde der deutsche Außenminister Walther Rathenau, ein überzeugter Liberaler mit jüdischen Wurzeln, von rechtsextremen Terroristen der “Organisation Consul” in Berlin ermordet. Heute müssen wir erleben, wie deutschnationale Extremisten erneut versuchen, uns ihr Weltbild mithilfe von Gewalttaten gegen Andersaussehende und –denkende aufzuzwingen. Rathenaus Mörder wollten nach eigenen Angaben ebendas, was die NPD uns heute vorgibt, zu wollen: die sogenannte “nationale Revolution”. Sie waren Antisemiten, ein Charakteristikum, das die Nazis von heute allein aus juristischen Gründen zu verbergen suchen. Sie waren Antidemokraten, die die junge deutsche Republik stürzen sehen wollten, wie es schließlich elf Jahre danach auch geschah. Nicht ohne Grund gehörten sie nach 1933 zu jenen Verbrechern, die von den nationalsozialistischen Machthabern als “Helden” gefeiert wurden.

Walther Rathenau

Es wird Zeit, jene Wahrheit wieder auszusprechen, die Reichskanzler Wirth in seiner Gedenkrede an Rathenau hervorhob: Der Feind steht rechts! Es ist unerträglich, dass die geistigen Nachfolger der Mörder Rathenaus im 90. Jahr nach seiner feigen Ermordung die Erlaubnis erhalten sollen, ihre nationalistischen, demokratie- und europafeindlichen Parolen gerade auf einem zu seinen Ehren benannten Platz in der Hauptstadt der zweisprachigen Lausitz in die Welt zu brüllen. Ich fordere die Stadt und den Landkreis Bautzen sowie ihre Bürger auf, alles in ihrer Kraft stehende zu tun, um diesen Spuk zu verhindern. Wenn es unserer Demokratie offenbar unmöglich ist, eine ihr feindlich gesinnte Partei zu verbieten, so muss sie sich doch von ihr nicht auf ihrem historischen Erbe herumtrampeln lassen.