Samstag, 26. Mai 2012

Balkanische Südsorben, Lausitzer Nordserben?

Häufig, wenn Sorben und Serben aufeinandertreffen, liegt die (zugegeben einleuchtende) Frage in der Luft, was denn nun beide miteinander zu tun hätten. Vor allem im serbisch-nationalistischen Spektrum beschäftigt man sich erstaunlich häufig mit den "Brüdern im Norden" oder den "Nordserben", wie man uns zwischen Belgrad und Niš gerne nennt. Die korrekte Bezeichnung ist im Serbischen (Kroatischen, Bosnischen, Montenegrinischen) übrigens "Lužički Srbi", also eben "Lausitzer Serben". Diese Form war bis ins 20. Jahrhundert hinein auch in deutschen Veröffentlichungen anzutreffen und sie hat einige Berechtigung, nennen die Sorben sich selbst doch "Serbja" und nicht etwa "Sorbja". Das "o" zwischen S und R wird von Einigen dann schnell mal als perfide deutsche Erfindung abgetan, um die serbischen Brüder in der Lausitz und auf dem Balkan auseinanderzubringen. Sind die Sorben also letztendlich nur Nordserben? Nicht ganz.

Im Sorbischen bezeichnet man jene Serben auf dem Balkan als "Južni Serbja", also "Südsorben". Es mag zunächst befremdlich klingen, aber eigentlich liegt man damit ganz richtig. Als die balkanischen Serben nämlich im frühen 9. Jahrhundert erstmals erwähnt wurden, hieß es "Sorabos, quae natio magnam Dalmatiae partem obtinere dicitur", also "Soraben, die den größten Teil Dalmatiens besiedeln", mit O. Das ist das gleiche O, mit dem verschiedene Chronisten die an Saale und Elbe siedelnden slawischen Völker, also die Vorfahren der heutigen Sorben, bezeichneten. Mit Fug und Recht könnte man also behaupten, die heutigen Serben seien "eigentlich" Südsorben.

Doch wie kommt es überhaupt, dass zwei so weit voneinander entfernte Völker beinahe den gleichen Namen tragen? Dazu gibt es mehrere Theorien, wobei die anerkannteste und glaubwürdigste jene ist: Im 6. und 7. Jahrhundert besiedelten slawische Stämme, aus Osten kommend, den Raum des heutigen Ostdeutschlands und gerieten an den Oberläufen von Saale und Main spätestens Mitte des 7. Jahrhunderts in blutige Konflikte mit den dort ansässigen Franken. Daher rühren auch die ersten urkundlichen Erwähnungen, die wir aus fränkischen Chroniken kennen. Eine gewisse Bekanntheit unter den Franken errang u.a. der sorbische Fürst Derwan. 

Vermutlich aufgrund der immer unruhigeren Lage im sorbisch-fränkischen Grenzgebiet verließ ein größerer Stammesverband in dieser Zeit die Gegend und wanderte in Richtung Süden. Dort - genauer in Dalmatien, vermutlich auch in den angrenzenden Gebieten - müssen sie im Jahr 822 (dem Jahr der Ersterwähnung auf dem Balkan) schon ziemlich verbreitet gewesen sein, wie wir oben gelesen haben. Aufgrund dieser dunklen Vorgeschichte, aus der nur wenige verlässliche Fakten gesichert sind, bezeichnete man spätestens seit dem 19. Jahrhundert die Lausitz als "Weißserbien", also als mythische Urheimat des serbischen Volkes. Das erklärt auch die Begeisterung vor allem in nationalistischen Kreisen.

So oder so ähnlich wirds wohl gewesen sein. Nur muss es natürlich "The Sorbs" heißen. (Grafik: Nexm0d, Wikimedia Commons, Public Domain)

Nun werden die Sorben, die bis heute die Lausitz bewohnen, von ethnonationalistischen Serben gerne als letzte Bastion ihres Volkes im Norden gesehen. Da wird dann schon einmal eine bewaffnete Befreiungsbewegung herbeifantasiert, die die Unabhängigkeit der Lausitz erkämpft. Dass Sorben und Serben zwei Völker mit zwei (eigentlich sogar drei) Sprachen sein sollen, kann gar nicht sein, schließlich sei man doch vor 1400 Jahren gemeinsam gekommen! Das mag wohl sein, dennoch greift (nicht nur) hier wieder einmal der große Irrtum des Ethnonationalismus: Völker im heutigen Sinne gab es im 7. Jahrhundert erstens noch nicht, zweitens beruhen ethnische Gruppen eben nicht hauptsächlich auf Abstammung, sondern meist auf gemeinsamer Sprache und immer auf einem Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe. Anders gesagt: Wenn die Sorben gerne ein eigenes Volk sein wollen, dann sind sie auch eins!

Wann ist nun das rätselhafte "O" im Namen der Sorben aufgetaucht, wenn sie sich doch selbst als Serbja und serbski bezeichnen? Nach allem, was mir bekannt ist, gab es spätestens im 17. Jahrhundert (deutsche) Schriften, die von den "Sorberwenden" in der Lausitz schrieben. In Anbetracht der Menge an Quellen aus dem 9. und 10. Jahrhundert, die diese Schreibweise etablierten, scheint es wahrscheinlich, dass man sich bei der Wahl der deutschen Bezeichnung an der älteren lateinischen orientierte. Eine Erfindung großdeutscher Nationalisten, die das serbische Volk und seinen Namen in der Lausitz ausrotten wollten, ist sie jedenfalls nicht. Und ganz nebenbei: Wo ist bitte das "E" bei den Srbi? Na bitte.

Kommentare:

  1. Ein interessantes Text, der eher manche Fragen Stellt als Beantwortet.
    Zuerst – ein Großes Kompliment für den Autor, der sich Bemüht habe, so gut wie es geht,
    gewissen Ethimologischen Ähnlichkeiten zwischen Aussprache zwei
    Volksbezeichnungen/Volksnahmen zu klären. Text ist Großteiles Korrekt, aber ich würde gerne
    auf zwei Tatsachen hinweisen. Das erste ist – Ethimologie ist eine sehr komplexe Disziplin,
    die vorsichtig zu benutzen ist. Also, Erwähntes Beispiel über die damalige Aussprache
    „Sorabos…“ kommt, wie geschätzter Autor Schreibt, von Lateinischen – eine Sprache die
    richtige Bezeichnung eines Slawischen Nahmen/Wortes keineswegs beinhaltet (habe).
    Vielmehr sind solche quellen irreführend – weil- nach vielen Lateinischen Bezeichnungen
    vermischen sich diese zwei Nahmen: Bei der gleiche Quelle die Ethnonym „Sorabos…“
    erwähnt, („Annales regni Francorum“) an eine andere Stelle, ein paar Seiten weiter, für das
    Jahr 823. wird Ljudewit (Ljudević) erwähnt, der böswillig die Serben verlässt…
    Die „Annales regni Francorum“ unterscheiden die Serben der Dalmatiae und die Sorben in
    Mitteleuropa namentlich nicht voneinander. Sie werden als Sorabi bezeichnet.
    Nach Konstantin Jirecek (berühmte Slawist) ist das /a/ in
    Sorabi das Resultat der Umschreibung eines vokalischen /r/, das im Kirchenslawischen mit /rъ/
    umschrieben wird… Ah, ja – zwanzig Jahren bevor Andrej Cejler seine „Rjana Łužica“
    geschrieben hatte, hat Dositej Obradovic, damalige Serbische Hymne geschrieben:
    „Vostani SErbie“… Gut, mittelweile ist die „e“ verlorengegangen, aber dem gab es! ;)
    Übrigens - für das 9. Jahrhundert beschreibt „Geograpus Bawaris“ die „Surbi“ als einen großen
    slawischen Stamm nördlich der Donau… Weder Sorben noch Serben, oder? : )
    Und noch was – zur dieser Zeit (9.Jhd.) wurden die „Juzni Serbja“ auch durch Lateinischen
    Nahmen „Raszier“ (Rašćani, Rašani - dt. Raschtschani) Bekannt, weil die in einem Gebiet

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  2. Jetzt aber zur meinem anderen anliegen: im diesen Text wurden die Bezeichnungen
    „ethnonationalistischen Serben“ die „Lausitzer Serben“ irgendwie „gerne als letzte Bastion
    ihres Volkes im Norden sehen“ erwähnt, oder „serbisch-nationalistische Spektrum“ der sich
    mit „Nordserben“ Beschäftigt. Wo kommt das her?! Ich wurde gerne die Texte oder die
    Adäquaten quellen darüber erfahren, weil das entspricht die wahren Tatsachen überhaupt
    nicht! Vielmehr haben die „Južni Serbja“ ein Großes Respekt, Sympathie und viel Neugierde
    dem „Lausitzer Serben“ oder Sorben (Wenden, Sarben, Surben… ;) gegenüber.
    Alle kulturelle Merkmalle, Traditionen, Brauche und Sitten, von allen Sprache(n) und
    Besonderheiten von „Luzicki Srbi“ werden vollkommen geschätzt und respektiert.
    Die traurige Tatsache ist- beide Volker wissen leider nicht genug voneinander und dass lässt
    die Vorurteilen Freiraum. Je mehr wir voneinander wissen umso besser werden wir alle
    unseren Unterschiede oder auch eventuelle Ähnlichkeiten zu schätzen wissen.
    Statt sich aber mit Vorurteilen und offensichtlichen Missverständnissen zu befassen,
    sollten wir, meiner Bescheidenen Meinung nach, die positiven Sachen und Beziehungen die
    uns Verbinden sollen (wie alle andere Europäische Volker auch) pflegen und fordern.
    Die Nationalisten gibt es leider überall. Die sind weder Süd Serbisches noch Nord Serbisches,
    oder Sorbisches Spezialität. Diese kleine, Bedeutungslose, Ignorante und nicht repräsentative
    Gruppe sollte nicht als Beispiel sondern als aussterbende (hoffentlich) ideenlose Ausnahme
    gehandelt werden. Egal ob das in Bezug auf ein Volk oder eine Ethnie verwendet wird.
    Ehrlich, für uns S(e)rben ist mühsam, immer wieder, besonderes in Deutschsprachigen Raum,
    durch unreflektierte Propaganda ständig als „Nationalisten“ oder oft mit noch schlimmeren
    Attributen in Verbindung zu bringen. Mir tut es Persönlich auch leid, weil ich Ihre Engagement,
    Julian, über Facebook, kennengelernt und zu schätzen gelernt habe.
    Mir tut es nur noch ein bisschen leid dass wir uns eben auf Deutch, und nicht auf
    Hornjoserbsce oder Dolnoserbski Verständigen. Wie Mann sieht – mein Deutch ist schlecht.
    Eine Tatsache ist aber klar: Wenn die Sorben gerne ein eigenes Volk sein wollen, dann
    sind sie auch eins! Und das ist auch gut so!
    Mit freundlichen Grüßen, Djidja Mijalkovic

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  3. Dragi Djidjo, vielen Dank für deine Ausführungen, die ich als eine gute Ergänzung aus der anderen Perspektive sehe. Eines muss ich hier aber noch einmal klarstellen: Es liegt mir vollkommen fern, "die Serben" pauschal als Nationalisten zu verunglimpfen. Ganz im Gegenteil, die meisten Menschen, die ich auf dem Balkan bisher kennengelernt habe, wollen damit nichts zu tun haben. Fakt ist aber auch, dass sich leider besonders nationalistische Kreise - in allen Völkern - für ihre vermeintlichen "Brüder" außerhalb der Staatsgrenzen "einsetzen", und das meist nicht aus ehrlichem Interesse, sondern aus politischem Kalkül heraus. Ein frappierendes Beispiel dafür ist z.B. die Gruppe "Lužički Srbi" auf Facebook. Mit den Sorben, ihrer Sprache und Kultur beschäftigt sie sich kaum, dafür jedoch mit so ziemlich jedem Thema des serbischen Nationalismus.

    Dass ich die Serben zu Süd-Sorben mache, ist selbstverständlich nur als ironische Umkehrung der entgegengesetzten Vereinnahmung zu verstehen und keinesfalls als sorbischer Besitzanspruch auf serbisches Territorium ;)

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  4. Naja nicht jeder Serbe ist Nationalist der sich für Lausitzer Serben oder Sorben interessiert, wir lernten ja über euch bzw. uns, in der Schule. Es ist äußerst interessant zu sehen dass ihr noch besteht, den nämlich die meisten Serben denken euch gibt es ja nimmer. Ihr seid für uns sowas wie ein lebendes Relikt aus unserer Vorzeit :) ... Dank Internet und auch grösserer Bewegungsfreiheit ist es heute möglich mehr über die Verwandten des gleichen Stammes zu lernen. Wir sind sicherlich nicht die gleiche Nation, aber wir teilen den gleichen Slawischen Ursprung, und mehr noch den selben Stamm. Ich persönlich kenne keine Slawen die das tun, und die auch so weit und so lange von einander getrennt worden waren. Serben sind eben beständig, auch wenn sie seit 1400 Jahren unter Germanen lebten, wie ihr. :)

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  5. Örrr, Sorbisch ist Westslawisch, Serbisch ist Südslawisch. Spielt das keine Rolle in der Herkunft-Abstammungsdebatte?

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    1. Nicht wirklich, da die heute bekannte Ausdifferenzierung der slawischen Sprachen erst deutlich später erfolgte.

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  6. Laut der frühmittelalterlichen Geschichtsschreibung, kamen die Serben (Süd-Serben) aus dem Land der sich Ost von den Franken und Nord von den Ungarn befand und sich in ihrer Sprache, Boika (Land der Boii, heutiges Böhmen) nannte. Sie kamen wegen dem Vormarsch der Franken in ihren Gebiet, ein Teil blieb, ein Teil übersiedelte. Heute entspricht es dem Gebiet von Süd-Polen, Ost-Bayern, und West Tschechien. So schrieb der Oströmische Kaiser Konstantin der VII Porfirogenet über seine Untertanen in seinem Werk "De Administrando Imperio" im Jahr 950.n.Chr.

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  7. Dragi julio Grusse aus Србија =D

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  8. Serben und Sorben waren vor mehr als tausend Jahren ein und dasselbe Volk.
    Schon die Griechen erwähnten die Serben/Sorben als Teilstamm der Alanen.
    Dies würde der Theorie widersprechen, daß die Alanen iranischer Herkunft wären.

    Wie auch immer, im Laufe der Völkerwanderung haben sich Sorben und Serben voneinander getrennt.
    Die einen besiedelten das heutige Ostdeutschland, die anderen zogen in den Balkan weiter.
    Die räumliche Trennung ist auch der Grund dafür, dass sich beide heutzutage so stark voneinander unterscheiden.

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