Donnerstag, 12. April 2012

Konsequente Zweisprachigkeit: So wirds gemacht!

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass sogenannte linguistic landscapes (also die Sichtbarkeit von Sprache(n) im öffentlichen Raum zweisprachiger Gebiete) einen wichtigen Einfluss auf das Miteinander von Mehrheit und Minderheit sowie auf ihr Selbstbewusstsein ausüben. Ist die kleinere Sprache überhaupt sichtbar, wenn ja in welchen Umfeldern und in welcher Größe? Nur ein Beispiel: Steht der sorbische Ortsname selbst in mehrheitlich sorbischen Dörfern nur halb so groß auf dem Ortsschild wie der deutsche, ist das nicht einfach nur eine willkürliche Festlegung, es transportiert auch eine Botschaft: Wir sind die Mehrheit, ihr die Minderheit. Oder eben genau andersherum, selbst wenn die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort andere sein mögen.

Was öffentliche Zweisprachigkeit angeht, kann Wales mittlerweile als herausragendes Beispiel für so ziemlich alle anderen bilingualen Regionen Europas dienen. Das gilt jedoch auch dort erst seit den 1980er Jahren. Damals schwangen sich die Waliser - inspiriert vom erstarkenden Regionalismus in Großbritannien - zu einer in Anbetracht der Zahlenverhältnisse beeindruckenden Bewegung für die Gleichberechtigung ihrer Sprache auf. Im Laufe des Kampfes um eine wahre öffentliche Zweisprachigkeit kamen durchaus nicht immer nur legale Mittel zum Einsatz, letztendlich war er jedoch auf vielen Ebenen von Erfolg gekrönt. Mittlerweile ist der Walisisch-Unterricht in allen walisischen Schulen Pflicht und der Nachweis von Walisisch-Kenntnissen ein positives Kriterium bei der Jobsuche. Die folgenden Bilder entstanden vor drei Wochen in Wrecsam/Wrexham, Aberystwyth und Caerdydd/Cardiff und zeigen, wie sich die relativ neue konsequente Sprachpolitik der Waliser im öffentlichen Raum auswirkt.


Zweisprachige Straßenschilder sind auch bei uns ein gewohnter Anblick, allerdings mit kleinen, aber bedeutenden Unterschieden: In Wales ist alles zweisprachig ausgeschildert, in der Lausitz meist nur die Ortsnamen. In Wales sind beide Namen gleich groß und Walisisch steht an erster Stelle.Ungeachtet dessen, dass dieses Schild in Deutschland normalerweise unbeschriftet ist, sind in Wales selbst Parkuhren, Baustellenschilder und überhaupt alle Verkehrszeichen konsequent zweisprachig. Und in der Lausitz? Fehlanzeige!

Das gilt im Übrigen nicht nur für Straßenzeichen, sondern auch für die Straße selbst.

Briefkästen...

Sowie sämtliche Beschriftungen und Durchsagen an Bahnhöfen und in Zügen, die ganz nebenbei von einem großen Privatunternehmen (nämlich Arriva) betrieben werden...

Konsequente Zweisprachigkeit hört natürlich nicht an der Mülltonne auf:Und auch nicht am Hundehaufen:


Nun sollte die Umsetzung von Sprachpolitik durch Behörden und öffentliche Einrichtungen (eigentlich) nichts Besonderes sein, wenn es dementsprechende Gesetze, Satzungen und Richtlinien gibt. Viel interessanter ist, dass sie auch auf dem gewerblichen Sektor ziemlich durchgängig verwirklicht wird:

Nämlich an und sogar in Bankautomaten...

...an Postämtern......Versicherungsbüros...

...in Einkaufszentren...

...beim Rotary-Club...

...und sogar an Sushi-Bars.

Während es sich bei der öffentlichen Zweisprachigkeit, wie sie im größten Teil der Lausitz "gelebt" wird, um nicht viel mehr als eine Alibiveranstaltung handelt und Sorbisch im privat-kommerziellen Sektor bis auf wenige Ausnahmen quasi nicht vorkommt (erwähnen möchte ich hier allerdings stellvertretend die Volksbank, die zweisprachig Sicht- und Internetbannerwerbung macht), hat die walisische Bewegung für sprachliche Gleichberechtigung in den letzten beiden Jahrzehnten bereits so viel erreicht, dass es unangenehm auffällt, wenn doch mal ein Schild einsprachig geblieben ist.

Zu betonen ist, dass die Waliser sich ihre sprachlichen Rechte selbst erstritten haben. Alles, was in Wales gut funktioniert und in der Lausitz kaum, basiert auf der demokratischen Bewegung, die seit mehr als 20 Jahren demonstriert, Eingaben schreibt, Gesetzesänderungen erzwingt und Schilder überklebt. Der Weg zur sprachlichen Gleichberechtigung war und ist noch immer ein langer. Was jedoch in relativ kurzer Zeit für eine totgeglaubte Sprache erreicht wurde, kann auch für die sorbische Lausitz Mut machen. Die walisische Sprachpolitik kann auch uns den Weg aus der zu Ende gehenden Epoche des Nationalismus hin zu einem toleranten und gleichberechtigten sprachlichen und menschlichen Miteinander weisen. Bis dahin gibt es allerdings noch einiges zu tun.

Kommentare:

  1. Du schreibst: „Im Laufe des Kampfes um eine wahre öffentliche Zweisprachigkeit kamen durchaus nicht immer nur legale Mittel zum Einsatz, letztendlich war er jedoch auf vielen Ebenen von Erfolg gekrönt.“ Das scheint mir einer der entscheidenden Punkte zu sein, in dem sich die Situation des Sorbischen von der anderer Minderheitensprachen in Europa unterscheidet.
    Im Falle des Walisischen (bzw. Kymrischen) war es nicht zuletzt ja auch der angekündigte Hungerstreik von Gwynfor Evans 1980, der zunächst einmal zur Gründung des walisischen Fernsehsenders S4C (Sianel Pedwar Cymru) und in Folge dann zu einer ganzen Reihe von Maßnahmen geführt hat, die die Präsenz des Walisischen in der Öffentlichkeit und im Bildungssystem absichern. Die Grundlage wurde wohl schon in der berühmten Radioansprache von Saunders Lewis 1961 (Tynged yr Iaith, http://en.wikipedia.org/wiki/Tynged_yr_iaith) gelegt. Und Absägen und Überkleben einsprachiger Schilder waren sicherlich ein Teil des Prozesses.
    Auch die Gründung des staatlichen irischsprachigen Radiosenders Raidió na Gaeltachta 1972 wurde erst möglich, nachdem 1970 ein Piratensender (Saor Raidió Chonamara) in Betrieb genommen worden war. (In Irland war der Prozeß sehr sehr langsam, daß er aber inzwischen auch sichtbare Erfolge zeigt, kann man z.B. an diesem Blättchen sehen: http://www.box.com/shared/q3orec5ip3).
    Solche „Guerillaaktionen“ gibt es heute bei den Ungarn in der Slowakei. (Ich hatte mal bei einer der Diskussionen bei Facebook den Link zu diesem Video (http://www.youtube.com/watch?v=BRuoiHoATHk) gepostet, der war allerdings in der Diskussion irgendwie untergegangen. Nachdem ich das Video zum ersten Mal gesehen hatte, habe ich mich gefragt, warum eigentlich in der Lausitz niemand auf die Idee kommt, die Versäumnisse des Staates durch eigenmächtige Aktionen ähnlicher Art zu „korrigieren“, sei es durch Überkleben einsprachiger Schilder mit einer zweisprachigen Variante. Auch in Kärnten hat ja ein bewußt in Kauf genommener Verstoß gegen die Gesetze zu einer Änderung der Situation geführt (Geschwindigkeitüberschreitung von Rudolf Vouk).
    Ist das eigentlich irgendwie „deutsch“? Steckt dahinter ein quasi anerzogener „Untertanengeist“, der zu der Annahme verführt, man dürfe nur den Staat höflich bitten, sich doch selbst an die geltenden Gesetze zu halten, aber jede Form von deutlichem, sichtbarem Protest, jegliches laute Einfordern eigener Rechte sei irgendwie unhöflich und man würde dadurch nur unangenehm auffallen?
    Ich warte auf den Tag, an dem die Sorben mit Selbstverständlichkeit sagen: „Das ist unser Land und wir haben verdammt nochmal das Recht, daß in unserem Land auch überall unsere Sprache verwendet wird!”
    Das sollte eigentlich nicht zuviel verlangt sein. Oder vielleicht doch?

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  2. ... super přinošk Julijano! Prawje maš ...

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  3. Pódpišom wšo. Drugi dypk jo teke pšawopisna korektnosć serbskorěcnych toflickow. Dalšne konsekwentne pśikłady móžoš teke w drugich krajach namakaś: na pś. Brüssel (B), Biel/Bienne (CH) ...
    MĚN

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  4. Für alles gibt es im Internet irgendeine Sammelstelle, wo man es wiederfindet. Die Sendungen von "wuhladko", das es sowieso nur einmal monatlich gibt, sind nach zwei Monaten aus der ARD-Mediathek verschwunden!

    GS

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