Sonntag Morgen, 6 Uhr. Der ungarische D-Zug quietscht, kracht und rattert an allen Ecken und Enden. Seit fünf Minuten Einfahrt in den Hauptbahnhof von Belgrad. Metropole Serbiens, Jugoslawiens, am Zusammenfluss von Sava und Donau. Knapp zwei Millionen Menschen leben heute in der Hauptstadt des Chaos und der Trutzburg der Raucher in Europa. Einstmals wurde von hier aus ein Land beherrscht, dass von den verschneiten Gipfeln der Alpen bis nach Griechenland, von der Puszta bis zur adriatischen Küste reichte. Heute ist die “Weiße Stadt” die zu groß geratene Kapitale eines zu kleinen südosteuropäischen Ländchens, das mit sich und der Welt ringt.
An der Kreuzung Nemanjina/Kneza Miloša ragt noch immer die Ruine der ehemaligen Rundfunkzentrale in den Himmel, die im Kosovokrieg von NATO-Raketen zerschossen wurde. Schräg gegenüber schottet sich die amerikanische Botschaft – wie überall auf der Welt – mit Betonbarrieren gegen die Außenwelt ab. Dieser Tage gedenkt Serbien dem internationalen Angriff vor zehn Jahren, natürlich auf eigene Art und Weise. Auf Plakaten wird neben den stolzen Fahnen von großen Nationen wie Abchasien, Nicaragua, Nordkorea und Libyen verkündet: Србија је свет! - Serbien ist die Welt. Und die Welt sei gegen die Nato.
Vom Kalemegdan, der “Burg-Burg”, die schon vor 2300 Jahren als Festung diente, schweift der Blick über die beiden Ströme, die Plattenbauten von Zemun und Novi Beograd auf der anderen Seite, die Ebenen der Vojvodina im Norden und die zahllosen Hügel, auf denen die Hauptstadt steht, auf der anderen Seite. Auf der Festung reihen sich Kanonen, Haubitzen und anderer militärischer Kram aneinander. Die meisten sind nach Norden gerichtet. Über die Sava nach “Europa”. So wird hier auch der ehemaligen Größe und Macht gedacht. Im Zentrum dankt ein Denkmal den Franzosen für ihre Hilfe im Ersten Weltkrieg.
Der eisige Wind peitscht die Wellen gegen das Ufer von Zemun. Dieses kleine, ehemals ungarische Städtchen ein wenig nördlich der Altstadt ist heute ein Stadtteil Belgrads. Die gemütliche Altstadt mit ihren habsburgischen Fassaden, kleinen Gasthäusern und gepflasterten Straßen täuscht darüber hinweg, dass Zemun die Hochburg der Radikalen Partei war und ist. Der serbische Obernazi Vojislav Šešelj, seit nunmehr sechs Jahren im Kriegsverbrecherknast in Den Haag, war hier Bürgermeister. Die Mörder des jungen, charismatischen Ministerpräsidenten Djindjić, der im März 2003 mitten in der Innenstadt erschossen wurde, kamen ebenfalls aus Zemun. Im Restaurant läuft traditionelle serbische Musik mit jammerndem Gesang.
An Titos Grab im “Haus der Blumen” – eine lärmende japanische Reisegruppe bestaunt und fotografiert Geschenke, die der 1980 verblichene Marschall und beinahe legendäre Gründer des roten Jugoslawien aus aller Welt zusammengetragen hat. Ein Museum zeigt dutzende Tito-Bilder, Tito-Statuen, Tito-Filme und Tito-Bücher. Hier wird an den Mann erinnert, der den vielsprachigen Balkanstaat mit eiserner Faust zusammenhielt und nach dessen Tod derselbe vor die Hunde ging. Heute zählt der einst geliebte Kamerad nichts mehr in den Ländern der Südslawen. Höchstens die bosnischen Muslime halten seinen Namen noch hoch. Die nationale Verblendung hat den Glauben an ein einiges und brüderliches Jugoslawien ersetzt.
Das Monument des Größenwahns ist die Kathedrale des Heiligen Sava, die über der Stadt thront. Vor 75 Jahren begann man mit dem Bau dieses weißen Monstrums, das einmal der größte orthodoxe Kirchenbau Europas sein soll. Das steingewordene Serbentum ist noch immer eine riesige, leere Baustelle. Unter der betongrauen Kuppel steht etwas verloren der Heilige und bestaunt die Unmengen von unverbautem Marmor, die unter dem größten Dach Serbiens auf ihren Platz warten.
Belgrad qualmt. Ob in der Uni, den Läden, im Bus oder Museum – geraucht wird überall. Und immer. Selbst dort, wo Schilder darauf hinweisen, dass es verboten sei, stehen Aschenbecher auf den Tischen. Hier regiert die Mehrheit. Und die ist weiß, orthodox und raucht. Pozdravi iz Beograda.
Braniborskej kubłanskej ministerce
Vor 1 Tag
schoenen gruss aus spanien.werds weiter mit spannung verfolgen!
AntwortenLöschenund der gruss aus nz darf hier natuerlich auch nicht fehlen.
AntwortenLöschengruss an die kollegen!
Huch, du bist schon wieder in Belgrad? Man kommt ja gar nicht so schnell hinterher bei dir. Wirst du auch mal wieder in der hiesigen Hauptstadt aufschlagen? Beste Grüße
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