Donnerstag, 6. November 2008

Die Qual der Wahl

Dieser Artikel ist am 1.11.08 im Transponder37 erschienen. Damit dürfen wir mit Fug und Recht behaupten, dass aktuellste Magazin der Welt zu sein!

Die Qual der Wahl

Die Welt ist im Wandel. Ich sehe es im Fernsehen. Ich lese es in der Zeitung. Ich spüre es im Laden um die Ecke. Vieles, was einst war, ist verloren, da keiner mehr lebt, der sich erinnert1. Scheint zumindest so. Dabei ist die große Asienkrise, welche – wie heute übrigens ausgelöst durch den Zusammenbruch des Immobiliengeschäfts – die sogenannten und (vorher) über den heißen Brei gelobten „Tigerstaaten“ in ihren Strudel riss, gerade mal zehn Jahre her. Heute geht es denen, die damals eine weitgehende Liberalisierung der fernöstlichen Märkte und Reformen in den Ländern hinter Indien forderten2, an den Kragen. Das aufgeblähte Nichts der weltweiten Aktienmärkte ist – wie es eigentlich üblich ist und mal wieder an der Zeit war – geplatzt. Die Regierungen der großen Sieben schaufeln fleißig Milliardenbeiträge auf das Feuer, um es zu ersticken. Womit sie nicht rechnen: Scheine brennen gut.

Auch der Westen hat schon mehr als einmal eine Wirtschaftskrise großen Ausmaßes erlebt, zum Beispiel 1929. Damals wie heute standen Wahlen bevor. Vor beinahe 80 Jahren – im alten Europa – gewannen sie die braunen Krüppel3 und Junkies4 um einen gescheiterten Postkartenmaler aus Österreich. Auch heute wird wieder braun gewählt, nein, nicht nur in der Lausitz. In den Vereinigten Staaten. Obama gegen McCain. Veränderung gegen Verkalkung. Intelligenzler gegen Vietnamkriegsveteran. 85% der Deutschen hätten für den braunen (schwarz ist anders) Kandidaten gestimmt, wobei sich wie immer die Frage stellt: Warum eigentlich? Weil er netter lächeln kann. Weil er ein relativ junger, durchtrainierter Sunnyboy ist. Oder doch nur, weil gegen McCain einfach jeder andere die bessere Wahl wäre? Man weiß es nicht, kann es aber ahnen. Schon im deutschen Wahlkampf 2005 hatte man sich ja eher um die (zugegeben verhunzte) Frisur von Frau Dr. Merkel gekümmert, als um die Programme der beiden großen Parteien5. Wobei es bei denen auch damals schon schwierig gewesen wäre, einen bedeutenden Unterschied zu entdecken. Glücklicherweise ist Deutschland jedoch trotz dieser Verfehlungen im Wahlkampf noch niemals in den zweifelhaften Genuss eines solchen Schmierentheaters gekommen, wie es sich der begeisterten amerikanischen Bevölkerung in den letzten Monaten bot. Die macht sich nämlich - so zumindest die Kalkulation von McCains Wahlstrategen - nichts daraus, dass sich Obama als Sohn eines Kenianers und einer "weißen" Amerikanerin mitnichten in ein billiges Rassistenschema stopfen lässt, sondern schürt vielmehr die Angst vorm Schwarzen Mann - was in der gar so gemischten amerikanischen Gesellschaft immer ein Spiel mit dem Feuer ist und war.

Wenn sich Mister McCain nun wirklich noch immer nicht für den (von vielen lang ersehnten) Ruhestand entscheiden sollte, kann er es ja noch einmal als Autor probieren. Sein Werk „Wie man sich selbst besiegt“ hätte garantiert Traumquoten. Die verworrene Story verspricht einen Bestseller. In den Hauptrollen: Ein alter Mann, der am liebsten alles mit dem Knüppel niederschlagen möchte, was auch nur im Verdacht steht, sich im Nahen Osten zu befinden und sich obendrein nicht traut, seinem Gegner ins Gesicht zu schauen. Zum Zweiten: Eine kleingeistige Provinzgouverneurin – Oberhaupt einiger Zehntausend Karibus und einer Pipeline – die von ihrem Haus aus Russland sehen kann und so ihre außenpolitische Kompetenz begründet6. Und natürlich eine Menge geifernder Fans, die in guter alter Ku-Klux-Tradition schon mal den Kopf des Baumwollpflückers7 aus Illinois fordern. Doch trotzdem diese bösen Geister aus dem Bush-Zeitalter alles daran gesetzt haben, die letzte weiße Domäne im Land der beschränkten Unmöglichkeiten zu verteidigen, es hat ihnen nichts genützt. Der amerikanische Traum ist wieder einmal wahr geworden. Die simple Formel „Yes, we can!“ reichte völlig aus, um dem rechten Greis den ohnehin lauen Wind aus den Segeln zu nehmen. Bleibt nur zu hoffen, dass Obama seine Chance nutzen kann und das auch tut. Dem letzten jungen, charismatischen, demokratischen Präsidenten Amerikas wurde dafür nicht viel Zeit gelassen.

Zurück zur Bankenkrise: Heute schon GEZahlt? Klar, 6000 Euro an die Bank. Hab ich bloß nicht gemerkt. Mit einer sogenannten „Bürgschaft“ über knapp eine halbe Billion Euro trat alleine die deutsche Regierung in den Ring gegen den totalen Zusammenbruch. Nun denke keiner, Frau Merkel hätte diese 5 mit elf Nullen – 500000000000 € - so mal eben aus dem Kopfkissen gekramt. Nein, falls die Banken dieses großzügige Angebot tatsächlich einmal nutzen sollten – wovor uns Gott oder wer auch immer schützen möge – hat jeder seinen Anteil zu bezahlen. Und der liegt dann eben bei 6000 Euro. „Für diesen Blödsinn?“ mag sich der eine oder andere frei nach Reich-Ranicki fragen8. Ja, für ein System, welches mit Nichts handelt und daraus auch noch ziemlich riesige Summen potenziert. Für den Umfang des weltweiten Börsenhandels könnte man die gesamte Welt mehrmals aufkaufen, aber wen kümmerts? Merke an dieser Stelle: Nur weil ein System gescheitert ist, heißt das nicht, dass dem anderen dasselbe nicht auch blüht. Die sozialistische Planwirtschaft hat kein Exklusivrecht auf totalen Zusammenbruch. Und der Kapitalismus kein Konzept mehr.

Das wars für heute. Auf Wiederlesen und: Immer schön sparen. Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.

don julio (donjulio@lausitz.la)

1: Hier wird mal Tolkien bemüht, weil der sich sonst immer so schlecht unterbringen lässt.

2: USA, EU etc. pp

3: Propagandaminister Goebbels, kurz auch „Klumpfuß“.

4: Reichsmarschall Göring, morphiumsüchtig.

5: Mit „großer Partei“ ist hier – leicht beschönigend – neben der CDU auch die SPD gemeint.

6: Sarah Palin von Alaska.

7: Baumwollpflücker steht hier nur und ausschließlich, um rassistische Vorurteile zu bedienen. Natürlich ist Mr Obama keiner und war es auch nie.

8: Herrlich – MRR’s Rede zur versuchten Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Nachzusehen z.B. auf Youtube.