Sonntag, 19. Oktober 2008

Volk? Gibts ja gar nicht.

Volk – gibt's ja gar nicht.

Das deutsche Volk hat Großartiges geleistet. Es hat Gutenberg und Luther, Schiller und Goethe, Einstein und Thomas Mann hervorgebracht. Im Fußball und Wintersport macht uns so schnell niemand etwas vor. Wir bauen Autos von höchster Qualität und sind fast in der ganzen Welt beliebt. Ich bin Deutschland. Ich bin das Volk.

Ich habe weder den Buchdruck erfunden, noch die Reformation eingeleitet. Ich bin kein genialer Literat oder Universalwissenschaftler. Ich kann weder sonderlich gut gegen Bälle treten, noch ist es mir vergönnt, mich weiter als 5 Meter mit Skiern fortzubewegen. Ich produziere keine Autos und in der Welt kennt mich kaum jemand. So geht es außer mir fast allen anderen so genannten Deutschen.

Doch was sind überhaupt diese „Deutschen"? Es gibt da verschiedene Ansätze. Zu den verbreiteten zählen zwei völkische und ein nüchterner. Die wohl populärste Herangehensweise ist, dass jeder Mensch, der Deutsch als Muttersprache spricht, Deutscher ist. Eine andere Variante geht von einer unklaren Mischung aus Abstammung und Blut aus, womit schon Einstein kein Deutscher mehr wäre. Obwohl einigermaßen hirnrissig, ist auch dieser Gedanke relativ beliebt. Laut Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland dagegen ist jeder Staatsbürger Deutscher, egal ob er schwarz oder weiß ist, egal ob er türkisch oder russisch spricht.

Worauf gründet sich die Einteilung der Menschheit in „Völker"? Oft werden kulturelle Unterschiede sowie unterschiedliche Denkweisen als Beweis für die Existenz von Völkern angeführt. Es gibt diese Unterschiede und das zu bestreiten, wäre denkbar aussichtslos. Allerdings fußen sie nicht auf diffusen Abstammungstheorien, sondern ergeben sich vor allem aus der Geographie und der Geschichte eines Siedlungsgebietes. Aus diesem Grund gibt es auch sehr deutliche Unterschiede zwischen Fischköppen (Norddeutschen) und Bayern (Süddeutschen), obwohl sie angeblich zum selben Volk gehören.

Wenn es überhaupt ein gemeinsames Merkmal aller Angehörigen eines „Volkes" gibt, so ist es die Sprache. Davon abgesehen, dass sich an Redeweise, Dialekt und Wortschatz häufig auch das Denken eines Menschen ablesen lässt, ist die deutsche Sprache das einzige, was mich mit – sagen wir – Hitler verbindet. Sprache dient dem Menschen seit jeher als Werkzeug, um seine Gedanken und Gefühle auszudrücken und Anderen mitzuteilen. Sie ist also ein denkbar ungünstiges Identifikationsobjekt für Menschen, die denken können.

Die deutsche Sprache gibt mir die Möglichkeit, mich z.B. mit Schiller identifizieren zu können. Wäre Schiller Indonesier gewesen, hätte ich seine Gedanken wahrscheinlich trotzdem gut nachvollziehen können. Da mir aber die Kenntnis der indonesischen Sprache fehlt und Übersetzungen aus dem Indonesischen auf dem deutschen Markt immer noch sehr selten und/oder teuer sind, hätte ich vermutlich nie die Chance gehabt, seine Gedanken zu verstehen.

Wir halten fest, dass es für den Menschen typisch und natürlich ist, sich mit anderen Menschen zu verbrüdern, die ähnliche Gedanken und Gefühle haben. Die Sprache ist das Werkzeug, das uns ermöglicht, dieses Denken überhaupt zu verstehen. Es liegt also nahe, dass Jene, die sich nur mit dem Werkzeug identifizieren können, mit dem Denken so ihre Probleme haben.

Was unterscheidet einen englischen von einem russischen Kommunisten? Nichts oder wenig. Wo liegt der größte Unterschied zwischen einem deutschen und einem polnischen Nazi? In der Sprache. Ihr Denken ist annähernd identisch. Selbst in jenen Gruppen, die so sehr Wert auf die Volksgemeinschaft legen, spielt also nicht das Volk und die Sprache die große Rolle, sondern Gedanken und Gefühle.

Olle Einstein äußerte sich folgendermaßen zum Thema: „Wenn ich mit meiner Relativitätstheorie recht behalte, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, und die Franzosen, ich sei Weltbürger. Erweist sich meine Theorie als falsch, werden die Franzosen sagen, ich sei Deutscher und die Deutschen, ich sei Jude."

Ebenso absurd sind die immer wieder aufkeimenden Versuche, Karl den Großen entweder zum Franzosen oder zum Deutschen zu erklären. Karl wäre es vermutlich herzlich egal gewesen, da die Volkszugehörigkeit in jenen Jahren noch keine sehr wichtige Rolle spielte. Karl war Franke – basta. Und das lange bevor die Romantiker des 18. Jahrhunderts den Volksbegriff ausgruben und den Nationalstolz in den rosa Himmel hoben.

Komischerweise legen wir besonders bei Menschen, die Positives geleistet haben, Wert auf eine gemeinsame „Volkszugehörigkeit". Es ist selbstverständlich, dass Schiller ein großer deutscher Schriftsteller war, obwohl er sich vermutlich im Grabe umdrehen würde, wenn er es wüsste. Dagegen ist die Identität des deutschen Reichskanzlers Hitler – der so gerne ein richtiger Deutscher gewesen wäre und ebenfalls Deutsch sprach und schrieb – heftig umstritten. Wenn irgendwie möglich, wird er als „Österreicher" abgestempelt. Plötzlich spielt das Volk also keine so große Rolle mehr, sondern die Staatsangehörigkeit. Seltsame Logik.

Das führt zu der Annahme, dass Menschen ihren eigenen Minderwertigkeitskomplex, der mehr oder weniger stark ausgeprägt ist, durch eine konstruierte Gruppenzugehörigkeit ausgleichen wollen. Natürlich erfinden sie zu diesem Zweck Gruppen, die möglichst mächtig, positiv, groß oder wie auch immer gut sind. Der Mensch ist schließlich ein Rudeltier. Es macht wenig Sinn, sich einem Rudel zuzurechnen, das man selbst scheiße findet. Also wird alles dafür getan, das eigene Rudel (das eigene Volk) im richtigen Licht erscheinen zu lassen. Schnell kann sich so Geschichte ändern und plötzlich waren es die „Anderen", die damals den Krieg angefangen haben, weil Kriegstreiberei unsympathisch ist.

Der Nationalismus lebt – wie viele dümmliche Ideologien – von den „Anderen". Wer in einer Gesellschaft ganz unten steht und sich ausgegrenzt fühlt, ist froh, jemanden zu finden, der noch weiter unten ist. Eigene Ausgrenzung wird dadurch kompensiert, andere auszugrenzen. Genauer jene, die anders aussehen, sprechen, denken etc. Der Volksgedanke bietet genau jenen kleinen Versagern, die selbst nichts auf die Reihe kriegen, das Gefühl der Stärke und Überlegenheit. Daher ist er für die Menschheit nicht gerade hilfreich.

Das zu erkennen, fordert sicherlich Mut. Nur zu oft höre ich Klagen über die Tatsache, dass wir Deutschen ein angeblich „gestörtes Verhältnis zur Nation" haben und es schade wäre, dass wir keinen „gesunden Nationalstolz" entwickeln könnten. Was wäre denn daran gesund? Nationalstolz ist unvernünftig und unbegründet, hat in der Vergangenheit Millionen Menschen das Leben gekostet und kann aus diesem Grund per Definition niemals „gesund" sein. Der Volksgedanke hat die europäische Politik in den letzten 300 Jahren gelenkt, doch irgendwann muss gut sein. Völkisches Denken und Nationalismus gehören ein für alle Mal in die Mülltonne der Geschichte.

Don Julio

(Dieser Text stand mal vor ein paar Monaten im Transponder; ich wollte meine verqueren Gedanken natürlich niemandem vorenthalten.)

Freitag, 10. Oktober 2008

balkanische sommerfotos

Shalom zusammen, heute mal mit einer persönlichen Nachricht:

Wer sich angesichts der heimischen Niedrigtemperaturen den balkanischen Sommer ins Haus holen will, möge sich die Bilder von der Tour quer über den Balkan zu Gemüte führen:

Da gehts los.

Bis demnächst,
don julio