Samstag, 26. Mai 2012

Balkanische Südsorben, Lausitzer Nordserben?

Häufig, wenn Sorben und Serben aufeinandertreffen, liegt die (zugegeben einleuchtende) Frage in der Luft, was denn nun beide miteinander zu tun hätten. Vor allem im serbisch-nationalistischen Spektrum beschäftigt man sich erstaunlich häufig mit den "Brüdern im Norden" oder den "Nordserben", wie man uns zwischen Belgrad und Niš gerne nennt. Die korrekte Bezeichnung ist im Serbischen (Kroatischen, Bosnischen, Montenegrinischen) übrigens "Lužički Srbi", also eben "Lausitzer Serben". Diese Form war bis ins 20. Jahrhundert hinein auch in deutschen Veröffentlichungen anzutreffen und sie hat einige Berechtigung, nennen die Sorben sich selbst doch "Serbja" und nicht etwa "Sorbja". Das "o" zwischen S und R wird von Einigen dann schnell mal als perfide deutsche Erfindung abgetan, um die serbischen Brüder in der Lausitz und auf dem Balkan auseinanderzubringen. Sind die Sorben also letztendlich nur Nordserben? Nicht ganz.

Im Sorbischen bezeichnet man jene Serben auf dem Balkan als "Južni Serbja", also "Südsorben". Es mag zunächst befremdlich klingen, aber eigentlich liegt man damit ganz richtig. Als die balkanischen Serben nämlich im frühen 9. Jahrhundert erstmals erwähnt wurden, hieß es "Sorabos, quae natio magnam Dalmatiae partem obtinere dicitur", also "Soraben, die den größten Teil Dalmatiens besiedeln", mit O. Das ist das gleiche O, mit dem verschiedene Chronisten die an Saale und Elbe siedelnden slawischen Völker, also die Vorfahren der heutigen Sorben, bezeichneten. Mit Fug und Recht könnte man also behaupten, die heutigen Serben seien "eigentlich" Südsorben.

Doch wie kommt es überhaupt, dass zwei so weit voneinander entfernte Völker beinahe den gleichen Namen tragen? Dazu gibt es mehrere Theorien, wobei die anerkannteste und glaubwürdigste jene ist: Im 6. und 7. Jahrhundert besiedelten slawische Stämme, aus Osten kommend, den Raum des heutigen Ostdeutschlands und gerieten an den Oberläufen von Saale und Main spätestens Mitte des 7. Jahrhunderts in blutige Konflikte mit den dort ansässigen Franken. Daher rühren auch die ersten urkundlichen Erwähnungen, die wir aus fränkischen Chroniken kennen. Eine gewisse Bekanntheit unter den Franken errang u.a. der sorbische Fürst Derwan. 

Vermutlich aufgrund der immer unruhigeren Lage im sorbisch-fränkischen Grenzgebiet verließ ein größerer Stammesverband in dieser Zeit die Gegend und wanderte in Richtung Süden. Dort - genauer in Dalmatien, vermutlich auch in den angrenzenden Gebieten - müssen sie im Jahr 822 (dem Jahr der Ersterwähnung auf dem Balkan) schon ziemlich verbreitet gewesen sein, wie wir oben gelesen haben. Aufgrund dieser dunklen Vorgeschichte, aus der nur wenige verlässliche Fakten gesichert sind, bezeichnete man spätestens seit dem 19. Jahrhundert die Lausitz als "Weißserbien", also als mythische Urheimat des serbischen Volkes. Das erklärt auch die Begeisterung vor allem in nationalistischen Kreisen.

So oder so ähnlich wirds wohl gewesen sein. Nur muss es natürlich "The Sorbs" heißen. (Grafik: Nexm0d, Wikimedia Commons, Public Domain)

Nun werden die Sorben, die bis heute die Lausitz bewohnen, von ethnonationalistischen Serben gerne als letzte Bastion ihres Volkes im Norden gesehen. Da wird dann schon einmal eine bewaffnete Befreiungsbewegung herbeifantasiert, die die Unabhängigkeit der Lausitz erkämpft. Dass Sorben und Serben zwei Völker mit zwei (eigentlich sogar drei) Sprachen sein sollen, kann gar nicht sein, schließlich sei man doch vor 1400 Jahren gemeinsam gekommen! Das mag wohl sein, dennoch greift (nicht nur) hier wieder einmal der große Irrtum des Ethnonationalismus: Völker im heutigen Sinne gab es im 7. Jahrhundert erstens noch nicht, zweitens beruhen ethnische Gruppen eben nicht hauptsächlich auf Abstammung, sondern meist auf gemeinsamer Sprache und immer auf einem Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe. Anders gesagt: Wenn die Sorben gerne ein eigenes Volk sein wollen, dann sind sie auch eins!

Wann ist nun das rätselhafte "O" im Namen der Sorben aufgetaucht, wenn sie sich doch selbst als Serbja und serbski bezeichnen? Nach allem, was mir bekannt ist, gab es spätestens im 17. Jahrhundert (deutsche) Schriften, die von den "Sorberwenden" in der Lausitz schrieben. In Anbetracht der Menge an Quellen aus dem 9. und 10. Jahrhundert, die diese Schreibweise etablierten, scheint es wahrscheinlich, dass man sich bei der Wahl der deutschen Bezeichnung an der älteren lateinischen orientierte. Eine Erfindung großdeutscher Nationalisten, die das serbische Volk und seinen Namen in der Lausitz ausrotten wollten, ist sie jedenfalls nicht. Und ganz nebenbei: Wo ist bitte das "E" bei den Srbi? Na bitte.

Dienstag, 24. April 2012

Bautzen wehrt sich

Gegen den geplanten Aufmarsch von NPD und "freien" Kräften am 1. Mai in Bautzen formiert sich massiver Widerstand. In der ganzen Stadt sind Gegenaktionen geplant; die zentrale Bühne wird sich auf dem Kornmarkt befinden. Bemerkenswert ist, dass sich von CDU bis Linkspartei, von Gewerkschaftern bis Pfarrern, so ziemlich alle demokratischen Kräfte am Widerstand gegen Faschismus und Rassismus beteiligen. Mit folgendem Video wird mobilisiert:


Bürgermeister, Landrat, Stadträte, Vereine, Silbermond und engagierte Bautzener Bürger rufen zur Teilnahme an den Gegenveranstaltungen auf, um eines ganz deutlich zu zeigen: In Bautzen/Budyšin ist kein Platz für menschenverachtende und demokratiefeindliche Parolen!

Weitere Informationen:

Donnerstag, 12. April 2012

Konsequente Zweisprachigkeit: So wirds gemacht!

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass sogenannte linguistic landscapes (also die Sichtbarkeit von Sprache(n) im öffentlichen Raum zweisprachiger Gebiete) einen wichtigen Einfluss auf das Miteinander von Mehrheit und Minderheit sowie auf ihr Selbstbewusstsein ausüben. Ist die kleinere Sprache überhaupt sichtbar, wenn ja in welchen Umfeldern und in welcher Größe? Nur ein Beispiel: Steht der sorbische Ortsname selbst in mehrheitlich sorbischen Dörfern nur halb so groß auf dem Ortsschild wie der deutsche, ist das nicht einfach nur eine willkürliche Festlegung, es transportiert auch eine Botschaft: Wir sind die Mehrheit, ihr die Minderheit. Oder eben genau andersherum, selbst wenn die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort andere sein mögen.

Was öffentliche Zweisprachigkeit angeht, kann Wales mittlerweile als herausragendes Beispiel für so ziemlich alle anderen bilingualen Regionen Europas dienen. Das gilt jedoch auch dort erst seit den 1980er Jahren. Damals schwangen sich die Waliser - inspiriert vom erstarkenden Regionalismus in Großbritannien - zu einer in Anbetracht der Zahlenverhältnisse beeindruckenden Bewegung für die Gleichberechtigung ihrer Sprache auf. Im Laufe des Kampfes um eine wahre öffentliche Zweisprachigkeit kamen durchaus nicht immer nur legale Mittel zum Einsatz, letztendlich war er jedoch auf vielen Ebenen von Erfolg gekrönt. Mittlerweile ist der Walisisch-Unterricht in allen walisischen Schulen Pflicht und der Nachweis von Walisisch-Kenntnissen ein positives Kriterium bei der Jobsuche. Die folgenden Bilder entstanden vor drei Wochen in Wrecsam/Wrexham, Aberystwyth und Caerdydd/Cardiff und zeigen, wie sich die relativ neue konsequente Sprachpolitik der Waliser im öffentlichen Raum auswirkt.


Zweisprachige Straßenschilder sind auch bei uns ein gewohnter Anblick, allerdings mit kleinen, aber bedeutenden Unterschieden: In Wales ist alles zweisprachig ausgeschildert, in der Lausitz meist nur die Ortsnamen. In Wales sind beide Namen gleich groß und Walisisch steht an erster Stelle.Ungeachtet dessen, dass dieses Schild in Deutschland normalerweise unbeschriftet ist, sind in Wales selbst Parkuhren, Baustellenschilder und überhaupt alle Verkehrszeichen konsequent zweisprachig. Und in der Lausitz? Fehlanzeige!

Das gilt im Übrigen nicht nur für Straßenzeichen, sondern auch für die Straße selbst.

Briefkästen...

Sowie sämtliche Beschriftungen und Durchsagen an Bahnhöfen und in Zügen, die ganz nebenbei von einem großen Privatunternehmen (nämlich Arriva) betrieben werden...

Konsequente Zweisprachigkeit hört natürlich nicht an der Mülltonne auf:Und auch nicht am Hundehaufen:


Nun sollte die Umsetzung von Sprachpolitik durch Behörden und öffentliche Einrichtungen (eigentlich) nichts Besonderes sein, wenn es dementsprechende Gesetze, Satzungen und Richtlinien gibt. Viel interessanter ist, dass sie auch auf dem gewerblichen Sektor ziemlich durchgängig verwirklicht wird:

Nämlich an und sogar in Bankautomaten...

...an Postämtern......Versicherungsbüros...

...in Einkaufszentren...

...beim Rotary-Club...

...und sogar an Sushi-Bars.

Während es sich bei der öffentlichen Zweisprachigkeit, wie sie im größten Teil der Lausitz "gelebt" wird, um nicht viel mehr als eine Alibiveranstaltung handelt und Sorbisch im privat-kommerziellen Sektor bis auf wenige Ausnahmen quasi nicht vorkommt (erwähnen möchte ich hier allerdings stellvertretend die Volksbank, die zweisprachig Sicht- und Internetbannerwerbung macht), hat die walisische Bewegung für sprachliche Gleichberechtigung in den letzten beiden Jahrzehnten bereits so viel erreicht, dass es unangenehm auffällt, wenn doch mal ein Schild einsprachig geblieben ist.

Zu betonen ist, dass die Waliser sich ihre sprachlichen Rechte selbst erstritten haben. Alles, was in Wales gut funktioniert und in der Lausitz kaum, basiert auf der demokratischen Bewegung, die seit mehr als 20 Jahren demonstriert, Eingaben schreibt, Gesetzesänderungen erzwingt und Schilder überklebt. Der Weg zur sprachlichen Gleichberechtigung war und ist noch immer ein langer. Was jedoch in relativ kurzer Zeit für eine totgeglaubte Sprache erreicht wurde, kann auch für die sorbische Lausitz Mut machen. Die walisische Sprachpolitik kann auch uns den Weg aus der zu Ende gehenden Epoche des Nationalismus hin zu einem toleranten und gleichberechtigten sprachlichen und menschlichen Miteinander weisen. Bis dahin gibt es allerdings noch einiges zu tun.

Donnerstag, 5. April 2012

Der Feind steht rechts! Zur geplanten NPD-Kundgebung in Bautzen.

Am 1. Mai 2012 plant die rechtsextreme NPD eine Kundgebung auf dem Walther-Rathenau-Platz vor dem Bautzener Bahnhof. Am 24. Juni 1922 wurde der deutsche Außenminister Walther Rathenau, ein überzeugter Liberaler mit jüdischen Wurzeln, von rechtsextremen Terroristen der “Organisation Consul” in Berlin ermordet. Heute müssen wir erleben, wie deutschnationale Extremisten erneut versuchen, uns ihr Weltbild mithilfe von Gewalttaten gegen Andersaussehende und –denkende aufzuzwingen. Rathenaus Mörder wollten nach eigenen Angaben ebendas, was die NPD uns heute vorgibt, zu wollen: die sogenannte “nationale Revolution”. Sie waren Antisemiten, ein Charakteristikum, das die Nazis von heute allein aus juristischen Gründen zu verbergen suchen. Sie waren Antidemokraten, die die junge deutsche Republik stürzen sehen wollten, wie es schließlich elf Jahre danach auch geschah. Nicht ohne Grund gehörten sie nach 1933 zu jenen Verbrechern, die von den nationalsozialistischen Machthabern als “Helden” gefeiert wurden.

Walther Rathenau

Es wird Zeit, jene Wahrheit wieder auszusprechen, die Reichskanzler Wirth in seiner Gedenkrede an Rathenau hervorhob: Der Feind steht rechts! Es ist unerträglich, dass die geistigen Nachfolger der Mörder Rathenaus im 90. Jahr nach seiner feigen Ermordung die Erlaubnis erhalten sollen, ihre nationalistischen, demokratie- und europafeindlichen Parolen gerade auf einem zu seinen Ehren benannten Platz in der Hauptstadt der zweisprachigen Lausitz in die Welt zu brüllen. Ich fordere die Stadt und den Landkreis Bautzen sowie ihre Bürger auf, alles in ihrer Kraft stehende zu tun, um diesen Spuk zu verhindern. Wenn es unserer Demokratie offenbar unmöglich ist, eine ihr feindlich gesinnte Partei zu verbieten, so muss sie sich doch von ihr nicht auf ihrem historischen Erbe herumtrampeln lassen.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Schiemann setzt Prioritäten

Marko Schiemann, CDU-Landtagsabgeordneter für Bautzen und Umgebung, stellte sich heute gegen das von der schwarz-gelben Regierungskoalition in Dresden geplante Standortgesetz. Nicht generell, aber zumindest in puncto Bautzener Landgericht geht es dem sorbischen Parlamentarier gegen den Strich.

Schiemann reichte laut BILD-Zeitung einen Änderungsantrag ein, gemäß dem das Landgericht in der Spreestadt eigenständig bleiben soll. Er begründete seine Ablehnung wie zuvor schon der Rat für sorbische Angelegenheiten und der Bautzener Landrat mit dem sächsischen Sorbengesetz, dass Verhandlungen in sorbischer Sprache grundsätzlich möglich macht, aber eben nur in den "Heimatkreisen" der Sorben.

Die Erklärung dafür, warum er den Landkreis Bautzen als "Heimatkreis" versteht, den Landkreis Görlitz mit seinen vierzehn zum offiziellen Siedlungsgebiet zählenden Gemeinden jedoch nicht, blieb Schiemann indes schuldig.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Mittellausitz retten - Vattenfall abbaggern!

Bis zum morgigen Freitag kann noch Jeder Widerspruch gegen die von Vattenfall beantragte Erweiterung des Tagebaus Nochten und damit gegen die Abbaggerung der Orte Rohne/Rowno und Mulkwitz/Mułkecy sowie die drohende Einkesselung von Mühlrose/Miłoraz einreichen.

Die Gemeinderäte der betroffenen Gemeinden Schleife und Trebendorf haben sich bereits gegen die Erweiterung ausgesprochen. In der gestrigen Ausgabe der Serbske Nowiny erklärte die Bürgermeisterin von Trebendorf, Kerstin Antonius: "Niemand von uns möchte seine Heimat und seinen Hof verlieren. Die Leute haben Angst und machen sich sorgen. Es geht um den Schutz unserer Natur und Umwelt." Die Ortsräte von Rohne und Mulkwitz wiesen darauf hin, dass die geplante Abbaggerung die sorbische Substanz gefährde und daher gegen das Sächsische Sorbengesetz verstoße.

Eine Musterstellungnahme gibt es hier. Man kann natürlich auch selbst eine verfassen. In jedem Fall müssen die Stellungnahmen bis morgen mittag beim Regionalen Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien, Käthe-Kollwitz-Straße 17, Haus 3, im Briefkasten landen.

Die nördlichen Ausbauten von Mulkwitz; Blick Richtung Rohne (Jörg Friebe, www.Lausitz-Bild.de; CC-BY-SA-3.0-DE)

Meine Stellungnahme lautet wie folgt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich wende mich grundsätzlich gegen den Planentwurf. Auf die Inanspruchnahme des Abbaufeldes 2 ist zu verzichten und das Vorranggebiet aufzuheben. Die ausgelegte Planung ist weder umwelt- noch sozialverträglich, preiswerte Energieversorgung kann auch ohne das Abbaugebiet 2 gesichert werden. Es besteht kein überwiegendes öffentliches Interesse an diesem Plan. Auf den Abbau der Kohle hat Vattenfall keinen Anspruch, der Schutz von Bevölkerung und Klima ist aber zwingend zu gewährleisten.

Ich beziehe mich im Besonderen auf das Sächsische Sorbengesetz, Paragraph 2, Absatz 3, in dem es unmissverständlich heißt: „Das sorbische Volk und jeder Sorbe haben das Recht auf Schutz, Erhaltung und Pflege ihrer angestammten Heimat und ihrer Identität.” Die sich im beantragten Abbaufeld 2 befindlichen Orte Mühlrose/Miłoraz, Mulkwitz/Mułkecy, Rohne/Rowno sowie der Ortsteil von Schleife/Slepo zählen zum sorbischen Siedlungsgebiet. Sie stellen als Orte im Schleifer Kirchspiel die nahezu einzigen verbliebenen Orte der mittleren Lausitz dar, in denen sorbische Sprache, Kultur und Identität noch lebendig ist. Das zeigt sich u.a. an der Existenz des Njepila-Hofes, der Sorbischen Heimatstube und des WITAJ-Kindergartens in Rohne, ferner an den einzigartigen Schleifer Bräuchen und Trachten, die in den genannten Orten gepflegt werden.

Mit der euphemistisch als “Inanspruchnahme” bezeichneten drohenden Vernichtung des 1513 erstmals erwähnten Heidedorfes Rohne und seines vermutlich im 12. Jahrhundert gegründeten Nachbarortes Mulkwitz sowie der geplanten Umkreisung und damit verbundenen Entsiedelung des 1536 erstmals erwähnten Mühlrose würde der Tagebau Nochten die jahrhundertealte Besiedlung dieser Gegend und ein Stück Mittellausitzer Kulturgeschichte endgültig beenden. Bereits jetzt hat der Tagebau Nochten das Kirchdorf Tzschelln, große Teile von Mühlrose und Nochten, den Weißwasseraner Tiergarten, das Pücklersche Jagdschloss, den Eichgarten, das Teichgebiet der Jäseritzen und große Heidegebiete unwiederbringlich vernichtet.

Der Braunkohletagebau hat in den letzten acht Jahrzehnten mehr als 70 Orte mit etwa 26.000 Einwohnern in der mittleren Lausitz devastiert, wobei in den meisten die sorbische Sprache noch lebendig war. Die Orte im Schleifer Kirchspiel sind mittlerweile das letzte verbliebene Verbindungsglied zwischen dem obersorbischen Sprachgebiet im Süden und dem niedersorbischen im Norden. Der Schleifer Dialekt unterscheidet sich von beiden Standardsprachen, ist als Mittellausitzer Dialekt mithin einzigartig und daher unbedingt schutzbedürftig.

Der Erhalt sorbischer Sprache und Kultur ist unbedingt an den Erhalt bestehender intakter Strukturen gebunden, zu denen neben der typischen Bausubstanz und gewachsenen Ortsstruktur der betreffenden Heidedörfer auch deren Umgebung gehört. In der Soziologie ist man sich einig, dass sogenannte “emotional landscapes” – also “emotionale Landschaften” – eine entscheidende Rolle bei Identitätsbestimmung und Heimatgefühl spielen. Dazu gehören neben dem Heimatdorf an sich auch scheinbare “Kleinigkeiten” wie die alte Linde an der Weggabelung, die Sandkippe in der Nähe des Ortes, die im Winter als Rodelberg benutzt wird oder der Badeteich im Wald. Diese Orte sind Schauplätze persönlicher Erinnerungen, Teil von Familien- und damit Orts- und Regionalgeschichte.

Die Abbaggerung von Ortschaften ist Heimatverlust in seiner extremsten Form. Sie ist absoluter als z.B. die kriegsbedingte Vertreibung oder der arbeitsbedingte Wegzug, weil der persönliche Bezugspunkt an sich – also der Heimatort – unwiederbringlich und vollständig vernichtet wird. Eine etwaige Rückkehr zu den eigenen Wurzeln wird für immer verunmöglicht. Eine planmäßig angelegte Ersatzsiedlung kann diesen Verlust nicht kompensieren, siehe z.B. Neu-Horno oder Neu-Haidemühl bei Spremberg. Eine emotionale Bindung ist in diesen künstlich geschaffenen Orten nicht mehr möglich. Mit dem Verlust der emotionalen Bindung an den Heimatort verschwindet aber auch das Heimatgefühl und ein Großteil der Identität, die für den Sprach- und Kulturerhalt so wesentlich ist.

Auch für die nicht direkt betroffenen, aber in unmittelbarer Tagebaunähe gelegenen Orte bedeutet die Erweiterung des Tagebaus Nochten zum Einen den Verlust eines großen Teils der persönlichen Umgebung und zum Anderen eine Staub-, Lärm- und Verkehrsbelastung über mehrere Jahrzehnte.

Die Erweiterung des Tagebaus Nochten ist auch aus energiepolitischer Sicht nicht zu vertreten. Der Tagebau Reichwalde und das bisher in Anspruch genommene Abbaugebiet Nochten reichen für einen planmäßigen Weiterbetrieb des Kraftwerkes Boxberg aus, und zwar bis in eine Zeit, in der die großzügige Verstromung von Braunkohle im Zusammenhang mit der Energiewende nicht mehr notwendig sein wird. Es ist nicht akzeptabel, dass Vattenfall in Schweden Energie zu mehr als der Hälfte aus umwelt- und sozialverträglichen alternativen Energiequellen bezieht, andererseits aber in der Lausitz ohne Rücksicht auf Verluste großflächig devastiert.

Der Braunkohleabbau hat schon jetzt aus großen Teilen der deutsch-sorbisch bewohnten Mittellausitzer Heide eine unbewohnte, landschaftlich wertlose Mondlandschaft gemacht. Die Behauptung der “Rekultivierung” und “Renaturierung” ist, wie wir bereits jetzt in den ehemaligen Tagebaugebieten sehen können, eine Illusion. Große Teile der “renaturierten” Landschaft dürfen aufgrund der unsicheren Geländesituation voraussichtlich jahrzehntelang nicht wieder genutzt werden. Für eine weitere Vergrößerung des “Lausitzer Seenlandes” fehlt es schlicht an Wasserressourcen, die Spree, Schöps und Neiße nicht bieten können. An eine Wiederbesiedlung wird aus all diesen Gründen noch nicht einmal gedacht. Zurück bleibt leeres, nutzloses Land.

Auch im Hinblick auf die Belastungsgerechtigkeit ist es nicht vertretbar, für den Energiebedarf der weit entfernten Großstädte und Industriegebiete großflächig Lausitzer Kulturlandschaft zu vernichten. Die sorbischen und deutschen Einwohner der mittleren Lausitz haben im letzten Jahrhundert genügend Opfer für den Energiehunger verschiedener deutscher Staaten gebracht. Eine Beibehaltung dieser Praxis ist nicht mehr zeitgemäß und inakzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen,
Julian Nitzsche

Blick über den Tagebau Nochten zum Kraftwerk Boxberg (Julian Nitzsche; CC-BY-SA 3.0)

Montag, 12. Dezember 2011

Die Rückeroberung der Ostgebiete beginnt

Wenn es nach der schwarz-gelben sächsischen Regierungskoalition geht, steht uns eine Wiedereingliederung der verloren geglaubten Landstriche im Osten unmittelbar bevor. Vorweg: Nein, natürlich nicht der deutschen. Pommern und Schlesien bleiben schön da, wo sie sind. Vielmehr sorgte das Kabinett Tillich für verwundertes Staunen in der Lausitz, als es aus heiterem Himmel vorschlug, den gesamten Landkreis Görlitz zum "Heimatkreis" der Sorben zu erklären. Von der Struga bis an die Mandau, oder so.

Nun ja, so ganz unerwartet kam das Manöver nicht, schließlich geht es eigentlich darum, ein Lieblingsprojekt der Regierung, nämlich die offenbar überfällige Strukturreform in der sächsischen Gerichtslandschaft, durchzusetzen. Eine angedachte Maßnahme im Zuge dessen sollte die Herabstufung des Bautzener Landgerichtes zu einer Görlitzer Außenstelle werden. Stadt, Landkreis und natürlich die Richter selbst waren empört ob dieser bevorstehenden Degradierung und zogen nach kurzer Bedenkzeit die Sorbenkarte aus dem Hut. Laut Sächsischem Sorbengesetz § 9 ist es im sorbischen Siedlungsgebiet - also z.B. in Bautzen - nämlich möglich, sich "vor Gerichten [...] der sorbischen Sprache zu bedienen", und zwar ohne, dass "Kostenbelastungen oder sonstige Nachteile" für den Bürger entstehen. Außerhalb des offiziellen Siedlungsgebietes - also z.B. in Görlitz - geht das in dieser Form nicht. Landgerichtspräsident Konrad Gatz wies dementsprechend darauf hin, dass das Recht der Sorben, vor Gericht Sorbisch zu sprechen, in Gefahr sei. Eine Einschränkung dieses Rechts - das selten genutzt wird, aber prinzipiell dennoch wichtig ist - sei unzulässig.

Das sorbische Siedlungsgebiet - bis jetzt (NordNordWest/Wikipedia, CC-BY-SA-3.0-DE)

Nachdem der Sturm der Entrüstung in den letzten Wochen etwas abgeflaut war, präsentierte nun der FDP-Landtagsabgeordnete, Sprecher für sorbische Angelegenheiten seiner Fraktion und Bautzener Stadtrat Mike Hauschild die simple Lösung, auf die zuvor aus unerfindlichen Gründen keiner gekommen war: Die Wiedereingliederung des Landkreises Görlitz in sorbisches Territorium. Oder, etwas weniger pathetisch formuliert, die Umwidmung des Landkreises Görlitz zu einem "sorbischen Heimatkreis", in welchem dann das Sächsische Sorbengesetz nebst allen Rechten und Pflichten Anwendung finden würde.

Natürlich gibt es im Norden des betroffenen Kreises bis heute Gemeinden, in denen das Sorbische mehr oder minder lebendig ist, unter anderem Schleife und Trebendorf. Und selbstverständlich liegen weiter südlich Dörfer, die noch vor 100 Jahren mehrheitlich sorbisch bewohnt waren, z.B. Krischa (seit 1936 Buchholz) in der Gemeinde Vierkirchen oder Großdehsa, Laucha und Nechen bei Löbau. Aber gleich der gesamte Landkreis? Bis nach Zittau? Das trägt zwar einen slawischen Namen, aber Sorbisch wird dort doch seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen. Nun gut, warum eigentlich nicht? Dann aber bitte gleich richtig! Mit zweisprachiger Beschilderung, sorbischen Kindergärten und Schulen, sorbischen Beamten in den Rathäusern und dem ganzen Drumherum, das schon bei uns so reibungslos funktioniert. Wegkreuze gibt's selbstverständlich gratis dazu. Wer die Gegend ein wenig kennt, kann sich in etwa vorstellen, wie groß die Begeisterung in Eibau, Niedercunnersdorf und Hirschfelde wäre. Was haben sich CDU und FDP da nur eingebrockt?

Hirngespinst oder bald schon Realität?

Vielleicht sollte sich die schwarz-gelbe Landesregierung unter "unserem" Ministerpräsidenten lieber um die Verwirklichung dessen kümmern, was schon jetzt im Sächsischen Sorbengesetz steht, nämlich z.B. um das "Recht auf Schutz, Erhaltung und Pflege ihrer angestammten Heimat" (§ 2, Absatz 3), welches meines Erachtens durch das klare Bekenntnis des Ministerpräsidenten zur Zukunft der Braunkohle und damit zur Abbaggerung der noch einigermaßen sorbischen Dörfer Rohne, Mulkwitz und Mühlrose mit Füßen getreten wird. Oder aber um Paragraf 10, der die zweisprachige Beschilderung fordert, die in den Randgebieten, gerade auch im Landkreis Görlitz, an vielen Ecken komplett fehlt. Oder auch um Paragraf 14, der eine "angemessene Berücksichtigung" der sorbischen Sprache und Kultur durch sorbischsprachige Sendungen und Beiträge in den Medien verlangt, die durch 25 Minuten im Monat kaum erfüllt sein dürfte. Und so weiter.

Solange noch nicht einmal das realisiert ist, was vor fast 20 Jahren gesetzlich verankert wurde, solange der "sorbische Ministerpräsident" die Heimat Vattenfall in die Baggerschaufel wirft, pfeife ich auf einen "Heimatkreis", der nichts weiter ist, als ein verzweifeltes Manöver zur Rettung einer undurchdachten Strukturreform.